Die Loisach-Moore nördlich vom Kochelsee

Eine Natur-, Kultur- oder Zivilisationslandschaft?

(nach Josef Heringer in "Denkmalschutz und Kulturlandschaftspflege, ein Modellversuch, Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen, 1984)

1. Unter Naturlandschaft können wir heute nicht mehr eine vom Menschen unbeeinflusste Landschaft verstehen, da es diese nicht mehr gibt, sondern allenfalls eine bis dato von direkten und starken menschlichen Nutzungseingriffen verschont gebliebene Landschaft. Die reale Vegetation sollte noch weitgehend mit dem potenziell natürlichen Pflanzenkleid identisch und die natürlich dort vorkommenden Tiergesellschaften möglichst unverädert enthalten sein.

2. Die Kulturlandschaft ist ein vom Menschen kulturell überformter natürlicher Lebensraum. Kultur meint die Kunst des Kultivierens von Natur. Kultur kommt nämlich vom lateinischen "colere", was soviel bedeutet wie "bebauen, pflanzen, pflegen". Der pfleglich-gärtnerisch-bäuerliche Umgang mit den natürlichen Umweltfaktoren war es, der jene Kultur begründete, aus der neben realen Früchten auch solcher geistiger Art der Ton-, Dicht-, Baukunst usw. erwuchsen. Kulturlandschaft änderte sich mit dem Menschen, seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten, die Erde zu bebauen und im Sinne seiner persönlichen Entfaltung umzugestalten. Das begriffsprägende Wort "Kultur" im vollen Sinn der ursprünglichen Bedeutung muss in einer Landschaft dominant erkenntlich und bestimmend sein. Der alte Zuschnitt der Flureinteilung, der Verlauf der Bachläufe, der Wege, Feldraine, die Gestalt der Siedlungen muss noch überwiegend von der geofaktoriellen Eigenart der jeweiligen Landschaft und nicht nach den "Bedürfnissen" und der Eigendynamik der Agrotechnik bestimmt sein.
Kulturlandschaftliche Leistung, wie sie im Verteilungsmuster von Wald und Feld, von Au- und Streuwiesen, von Siedlung und Siedlungsferne augenscheinlich wird, ist mehr das Ergebnis der Bewältigung der Knappheit als ein Produkt überschwinglichen Reichtums. Kultur und Grenze, Knappheit, freiwillige oder erzwungene Selbstbeschränkung gehören zusammen. So sind die historischen Hauslandschaften ein beredtes Zeugnis dafür, wie man mit den bescheidenen Mitteln, die die jeweilige Landschaft hergab, vielfach ein Höchstmaß an kultureller Reife der Materialverwendung erreichen kann.

3. Der Begriff Zivilisationslandschaft taucht in den geographisch-landschaftsökologischen Fachdisziplinen nur vereinzelt auf. Die Sozial- und Wirtschaftsgeographie neigt dazu, den Raum wertungsfrei als Prozessfeld zu sehen, das den veränderten und gesteigerten Ansprüchen des Menschen zu dienen hat. Für sie besteht zwischen Kultur und Zivilisation wenig Konflikt.
Naturschützer denken da anders. Für sie ist Zivilisation die Gesamtheit der durch den Fortschritt der Wissenschaft und Technik geschaffenen materiellen und sozialen Lebensbedingungen. Im Zentrum des Begriffs der Zivilisationslandschaft steht der Mensch, der Bürger mit all seinen berechtigten bis maßlosen Ansprüchen an die Natur. Landschaft als gestaltgewordene Fülle der Natur hat dazu da zu sein, diese Ansprüche zu erfüllen! Das anthropozentrische Weltbild mit seinem Hang zur Egozentrik tritt in der Zivilisationslandschaft denn auch folgerichtig gestaltend und dominierend auf: Nutz- und Zweckbauten wie Fabriken, Verkehrsanlagen, Wohnsilos, Kläranlagen und Faultürme, Kanäle, Sportanlagen, Freizeitzentren, ausgeräumte agrarische Produktionszonen, Monokulturen usw. bestimmen die landschaftliche Szene. Ihre Stoffkreisläufe sind überzogen und leiden an Verstopfung, ihr Energiefluss, der sich in einer verkehrlichen Übererschließung, Abwärmeentstehung, Übermobilität äußert, beginnt selbstzerstörerisch zu werden. Zivilisationslandschaft ist gleichbedeutend mit Entfremdung von der Natur.